Rede auf der Kundgebung ‚Deine Stunde für Demokratie’ am 18. Juni 2011 in Merseburg

(von Curt Stauss, Merseburg, Gemeinde- und Hochschul- und Studentenpfarrer)

Liebe MerseburgerInnen, liebe Gäste des Schlossfestes!

Mit den paar jungen Leuten werden wir fertig – soll ein preußischer Landtagsabgeordneter gesagt haben, als vor 80 Jahren die ersten Nazis in Berlin marschierten.

Mit den paar jungen Leuten werden wir fertig – das zu sagen war leichtfertig! Die kleinbürgerliche Sehnsucht nach dem Führer wurde in vielen Ländern, in denen Diktaturen entstanden, erfüllt. Und wo Führung nicht demokratisch legitimiert und kontrolliert wird, wo der zivile Mut zur Einmischung fehlt, wo die Tugend der Selbstbeschränkung um der Gemeinschaft willen fehlt, da werden die Führer zu Verführern. Das hat Millionen Menschen das Leben gekostet.

Heute marschieren wieder ein paar junge Leute. Sie nehmen sich die Verführer von damals zu Vorbildern. Sollten wir uns genauso den preußischen Landtagsabgeordneten zum Vorbild nehmen: „Mit den paar jungen Leuten werden wir fertig“?

Mit den paar jungen Leuten, die heute marschieren, werden wir nicht fertig! Mit ihnen sollten wir nicht fertig werden, denn

sie brauchen Menschen, die hören, was sie sagen!

Sie brauchen eine Lebensperspektive, da ihre Hoffnungslosigkeit in Gewalt umschlägt!

Sie brauchen Räume für ihre Wut, wo sie anderen nicht schaden!

Und sie sollen lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Das haben wir alle zu lernen. Darum haben wir uns auch an diesem Tag zu gewaltfreien Aktionen verpflichtet.

Mit den paar jungen Leuten werden wir noch lange nicht fertig –  wir werden Zeit brauchen und

sie werden Zeit brauchen – um zu lernen,

auf Fremde, auf das, was ihnen fremd ist, nicht mit Hass zu antworten – aus Unsicherheit;

sie werden Zeit brauchen, jenen Nationaldünkel abzulegen, der aus dem Gefühl der eigenen Wertlosigkeit gespeist wird;

sie werden viel Aufmerksamkeit brauchen, bis sie aufhören zu schreien und zu zerstören, damit endlich jemand sie bemerkt;

wir alle werden Zeit brauchen und einen langen Atem; unsere Gesellschaft muss lernen, ihre gestörten Beziehung nicht dadurch in Ordnung zu bringen, dass ein paar Menschen aussortiert werden. Wir werden lernen, auch Störer und Straftäter in ihrer Würde als Menschen zu achten, damit sie sich mit den Folgen ihrer Tagen auseinandersetzen können. Nazis verachten ist keine Lösung!

Mit diesen paar jungen Leuten werden wir fertig? hat der alte preußische Landtagsabgeordnete gemeint. Und ich wiederhole: mit diesen paar jungen Leuten sind wir noch lange nicht fertig!

Das breite Bündnis, das in unserer Stadt gewachsen ist, macht mir Hoffnung! Bürgerinnen und Bürger haben ihre Angst überwunden, manche ihre Trägheit, einige  haben aufgehört, über andere Menschen herzuziehen…

Wenn wir ‚Merseburg gegen rechts’ sagen, lehnen wir Handlungen und Ideen ab, nicht Menschen!  Lasst uns weiter daran arbeiten und dafür leben, dass Merseburg bunt wird und bunt bleibt, für alle, die hier leben!

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