Chronik politisch rechts motivierter Angriffe in Merseburg

Tagtäglich werden Menschen aus rechten oder rassistischen Motiven heraus beleidigt, bedroht oder ausgegrenzt. Sachsen-Anhalt nahm in den zurückliegenden Jahren wiederholt einen traurigen Spitzenplatz im bundesweiten Vergleich politisch rechts motivierter Gewaltstraftaten ein. So dokumentierte die Mobile Beratung für Opfer rechter Gewalt für 2010 im Schnitt alle drei bis vier Tage eine politisch rechts motivierte Gewalttat in Sachsen-Anhalt (www.mobile-opferberatung.de).

Auch in Merseburg wurden in der Vergangenheit mehrfach alternative und nichtrechte Jugendliche und junge Erwachsene von Rechten angegriffen. Für die Betroffenen endet ein Angriff oft nicht mit dem Gewaltakt. Mangelnde Solidarisierung oder Schuldzuweisungen Betroffenen gegenüber verstärken meist das Gefühl, dass rechte Schläger unter Billigung der Mehrheit handeln würden.

Umso wichtiger ist es, die Etablierung von Freiräumen für eine alternative Jugendkultur zu unterstützen. In Merseburg hat sich nach einem schweren Angriff einer Gruppe von 20 z.T. bewaffneten Neonazis im April 2010 die Initiative Alternatives Merseburg gegründet, die sich seitdem für ein selbstverwaltetes Zentrum engagiert und weiterhin auf Unterstützung angewiesen ist (www.iam.blogsport.de).

Gerade im Bereich politisch rechts motivierter Angriffe ist die Dunkelziffer hoch. Daher können die nachfolgend aufgeführten, von der Mobilen Opferberatung registrierten Fälle nur als Indikator für das tatsächliche Ausmaß politisch rechts motivierter Angriffe in Merseburg gelten.

30.05.2011 – Merseburg
Gegen 17:30 Uhr wird ein Alternativer, als er mit seinem Fahrrad an einer Straßenbahnhaltestelle vorbeifährt, aus einer Gruppe von sieben bis acht z.T. stadtbekannter Neonazis als „Scheiß Zecke“ beschimpft. Dabei werfen sie dem 21-Jährigen zwei halbvolle Bierflaschen hinterher, die beide nur knapp neben ihm auf dem Boden zu Bruch gehen.

08.07.2010 – Merseburg
Gegen 22:00 Uhr pöbeln drei offenbar alkoholisierte Männer lautstark vor einem Döner-Imbiss herum. Als der Mitarbeiter des Lokals ihnen den Zutritt verwehrt, dreht ihm einer der Männer denn Arm um. Die anderen beiden schlagen unter rassistischen Beschimpfungen auf den Betroffenen ein.

25.04.2010 – Merseburg
Kurz nach Mitternacht stürmen etwa 20, mit Baseballschlägern und Eisenstangen bewaffnete Neonazis gezielt auf eine Gruppe Alternativer los, die auf dem Gelände der Alten Papierfabrik an einem Lagerfeuer sitzen. Mehrere Alternative, die nicht schnell genug fliehen können, werden zu Boden geschlagen. Etliche Angreifer treten u.a. gezielt auf die Köpfe von zwei am Boden liegenden Betroffenen ein. Weitere Neonazis verfolgen währenddessen gezielt die Flüchtenden. Da der Bereich der Alten Papierfabrik von Wasser umgeben ist und die Angreifer über den einzigen Zugang kamen, verstecken sich die Betroffenen in Panik in Gebüschen oder Erdgruben. Mit Steinwürfen versuchen die Neonazis, die Jugendlichen in der Dunkelheit aufzuspüren, während diese hoffen, dass die von ihnen alarmierte Polizei bald eintrifft. Bei dem Angriff rufen die Neonazis u.a. „Scheiß Zecken“ und „Merseburg bleibt deutsch“. Zudem drohen sie, es sei „noch nicht vorbei“. Bevor Beamte am Tatort eintreffen flüchten die Angreifer. Vier Betroffene müssen mit Hämatomen, Schürfwunden und Prellungen ambulant behandelt werden. Ein 26-Jähriger verliert zudem u.a. einen Zahn und ein 22-Jähriger muss mit Kopfverletzungen stationär behandelt werden.

15.03.2010 – Merseburg
In der Nacht werden vier alternative Jugendliche auf dem Nachhauseweg plötzlich aus einer Gruppe augenscheinlich Rechter mit „Da sind ja die Zecken“ angepöbelt. Dann rennen etwa zehn Rechte auf die Alternativen zu. Ein 20-Jähriger, der nicht schnell genug fliehen kann, wird von mehreren Angreifern abwechselnd geschlagen und getreten. Dabei schlagen sie seinen Kopf gegen eine Metallstange. Zudem spricht einer der Angreifer den Betroffenen auf eine Antifa-Fahne an, welche in einem Fenster seiner Wohnung hängt: „Wenn die morgen nicht ab ist, passiert so was öfter!“ Der 20-Jährige erleidet eine blutende Schnittverletzung an der rechten Schläfe, ein Schädel-Hirn-Trauma sowie Prellungen und Hämatome.

23.10.2009 – Merseburg
Am Abend greifen ca. 15 Vermummte mit Parolen wie „Scheiß Antifacista“ erneut etwa 10 Jugendliche im Schlossgarten an. Zwei Jugendliche werden am Oberkörper und im Gesicht verletzt, weitere mit Flaschen beworfen.

16.10.2009 – Merseburg
Im Schlossgarten greifen gegen Mitternacht ca. zehn Rechte unter Rufen wie „Scheiß Zecken“ mehrere feiernde Jugendliche an. Einem Alternativen, der nicht schnell genug flüchten kann, wird u.a. ein Zahn herausgeschlagen.

07.06.2009 – Merseburg
Gegen 16:40 Uhr wird ein Mitarbeiter eines Beratungsprojekts in der Bahnhofsunterführung aus einer sechs- bis achtköpfigen Gruppe heraus mit „Na Nazijäger, wieder unterwegs? Jetzt rennst du, wir kriegen dich!“ bedroht. Der Betroffene flieht in die Bahnhofsbuchhandlung, die anwesende Verkäuferin informiert unmittelbar die Polizei. Noch während ihres Telefonats kommt der Rechte in den Laden und droht dem Betroffenen damit, ihn beim nächsten Mal totzuschlagen. Dann verlässt die Gruppe das Bahnhofsgebäude.

28.06.2008 – Merseburg
Zwei alternative Jugendliche werden am Bahnhof von einem Rechten aus einer ca. sechsköpfigen Gruppe heraus u.a. als „Scheiß Zeckenschweine“ beschimpft. Ein 19-jähriger Alternativer wird mit der Faust ins Gesicht geschlagen, kann aber gemeinsam mit seiner 17-jährigen Begleiterin auf den Bahnsteig flüchten. Der Angreifer verfolgt die Jugendlichen, bepöbelt sie weiter und stößt sie auf die Bahngleise. Dann springt der Rechte hinterher und versetzt dem Alternativen nochmals einen Faustschlag ins Gesicht. Der 19-Jährige erleidet u.a. eine Platzwunde im Gesicht, die 17-Jährige Schmerzen am Fuß. Sie erstatten Anzeige.

12.10.2007 – Merseburg
Eine Gruppe alternativer Jugendlicher wird abends von etwa zehn Rechten verfolgt und angegriffen. Vor dem Eingang des städtischen Krankenhauses kommt es zu einer kurzen verbalen Auseinandersetzung zwischen einem der Rechten und einem 16-jährigen Punk. Der Angreifer schlägt dem Betroffenen dabei mit der Faust ins Gesicht. Aus Angst vor weiteren Attacken fliehen die alternativen Jugendlichen ins Krankenhaus und lassen die Polizei rufen, die aber nicht kommt. Daraufhin verlassen die Jugendlichen das Krankenhaus wieder. Dort taucht der rechte Angreifer erneut auf und geht dieses Mal mit einem K.O.-Spray wieder auf den 16-jährigen Punk los. Dem Betroffenen gelingt es zu fliehen. Er erstattet später bei einem Streifenwagen Anzeige wegen Körperverletzung.

08.09.2007 – Merseburg
Während der alljährlichen „Kneipenmeile“ wird ein 16-jähriger alternativer Jugendlicher gegen 1 Uhr nachts von einem ihm unbekannten Jugendlichen als „Dreckspunk“ beschimpft. Als der Betroffene mit einem lapidaren Spruch reagiert, verschwindet der Unbekannte. Kurz darauf kehrt er mit zehn Rechten zurück. Sie umstellen den alternativen Jugendlichen und beleidigen ihn u.a. mit „Scheiß Punk“. In Panik holt der Betroffene ein Messer aus seiner Tasche. Trotzdem greifen ihn drei junge Männer an und versuchen ihm das Messer zu entwenden. Dabei schlagen und treten sie auf ihn ein. Der Betroffene erleidet Stirn- und Handverletzungen. Zudem wird ihm ein Ohrring ausgerissen.

13.07.2007 – Merseburg
Gegen 23:00 Uhr greifen mehrere Neonazis eine Gruppe Alternativer an ihrem Treffpunkt im Schlosspark an, wobei sie u.a. „Zecken raus aus Merseburg“ und „Das ist unsere Stadt!“ skandieren. Mehrere Jugendliche werden z.T. massiv geschlagen und getreten. So reißen die Angreifer einen 19-Jährigen zu Boden und treten so auf ihn ein, dass er mehrere Hämatome im Gesicht und am Körper erleidet. Ein 33-Jähriger trägt durch einen Schlag mit einer Bierflasche gegen seinen Kopf eine blutende Schnittverletzung am Ohr davon. Ein anderer 19-Jähriger wird bewusstlos geschlagen. Er muss u.a. mit Schädel-Hirn-Trauma, Hämatom am Auge und Riss am Nasenbein stationär im Krankenhaus behandelt werden. Zwei Wachleute eines Sicherheitsunternehmens, die den Angriff aus unmittelbarer Nähe beobachten, greifen nicht ein. Die Betroffenen erstatten Anzeigen wegen gefährlicher Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung.

22.06.2007 – Merseburg
Ein 20-jähriger Alternativer und sein Freund werden nachmittags vor einem Supermarkt aus einer Gruppe von vier Rechten bedroht. Einer der Rechten pöbelt erst den Begleiter mit den Worten „Willst du ein paar in die Fresse kriegen?“ an. Dann stellt er sich vor den 20-Jährigen und versetzt ihm mit voller Wucht einen Kopfstoß ins Gesicht. Der Betroffene erleidet einen Abbruch seines Vorderzahns sowie eine Prellung. Er erstattet Anzeige.

20.06.2007 – Merseburg
Ein 16-jähriger Punk wird gegen 22:00 Uhr von drei Rechten verfolgt und in einem Fußgängertunnel am Bahnhof von hinten in den Rücken getreten, sodass er stürzt. Als der Betroffene zu flüchten versucht, tritt ihm einer der Angreifer so gegen die Beine, dass er erneut zu Boden geht. Schließlich wird der Alternative aufgefordert wegzulaufen. Bereits knapp drei Wochen zuvor war der Punk von zwei der drei Rechten und weiteren Täter_innen massiv angegriffen worden.

01.06.2007 – Merseburg
Gegen 20:00 Uhr wird ein 16-jähriger Alternativer vor einem Supermarkt zunächst von einem gleichaltrigen Mädchen angepöbelt und angegriffen. Dann kommen drei weitere Rechte hinzu und attackieren ihn mit Faustschlägen und Tritten. Als die Angreifer von dem Punk ablassen und er gerade gehen will, zieht ein weiterer Rechter den Betroffenen so an den Haaren, dass er vor Schmerz in die Knie geht. Ein Kassierer des Supermarkts alarmiert währenddessen die Polizei, schreitet aber nicht selbst ein. Als Beamte vor Ort eintreffen, erteilen sie allen Beteiligten Platzverweise, ohne dabei die Personalien der Angreifer oder eine Anzeige aufzunehmen. Am nächsten Tag erkennt der Betroffene während einer Zugfahrt Angreifer wieder, die gerade zu einem Neonaziaufmarsch unterwegs sind. Er alarmiert die Polizei und erstattet Anzeige.

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